Ich war schon immer ein sehr verschlossener Mensch und habe nie
großartig viel über mich und mein Leben gesprochen. Und bislang bin ich
damit auch recht gut gefahren. Nur habe ich in letzter Zeit sehr häufig
die Erfahrung gemacht, dass ich komplett falsch eingeschätzt werde. Wenn
es mir richtig schlecht geht, dann kapsele ich mich noch extremer von
meiner Umwelt ab, als ich es sowieso schon tue und rede mit so gut wie
niemandem. Ich brauche Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen, Lösungswege
oder -Ansätze für meine Probleme zu finden und mir darüber klar zu
werden, was für mich Priorität hat. Es ist nicht so, dass ich mir von
anderen nicht helfen lassen will, es bringt mir nur nichts... Ich habe
über die Zeit feststellen müssen, dass ich von vielen Bereichen des
Lebens eine stark abweichende Auffassung und gänzlich
andere Prioritäten diesbezüglich habe. Ich brauche nicht viele Kontakte
zu Anderen und "einfach quatschen" oder plaudern ist für mich nicht
wichtig, eher im Gegenteil, ich muss mich jedesmal dazu überwinden und
es fällt mir noch immer recht schwer. Ich gebe mir große Mühe und es
kostet mich einen enormen Aufwand an Energie, mich auf Andere
einzulassen... denn das heißt für mich, dass ich auf alles, was die
Person sagt, eingehe und versuche, ihr soweit es mir möglich ist, zu
helfen. Aber genau das scheint der springende Punkt zu sein. Die Anderen
reden einfach frei über sich selbst und ihr Leben ohne dass dahinter
ein Grund steckt, oder eine Erwartung, dass der Zuhörer versucht, ihnen
zu helfen. Bei mir ist das jedoch vollkommen anders: ich rede nicht viel
über mich selbst, weil ich keinen Anlass dazu sehe... warum sollte ich
Andere mit Banalitäten und Belanglosigkeiten aus meinem
Leben vollquatschen? Das bringt weder mir etwas, noch meinem Gegenüber.
Und wenn ich ernsthafte Probleme habe, dann konfrontiere ich im
Normalfall nur die Personen damit, die das Problem betrifft oder solche,
die mir wirklich helfen können, das Problem zu lösen. Es ist mir
zuwider, andere Menschen mit meinen persönlichen Sorgen zu belasten
(denn genau so ist es bei mir: wenn mir jemand sein persönliches Problem
schildert, dann belastet mich dies, ich denke sehr viel darüber nach,
so als wäre es mein Eigenes). Jedoch habe ich auch gelernt, dass nicht
alle so sind... und das verletzt mich umso mehr. Dann überwinde ich mich
einmal und gebe etwas preis, gewähre einen kleinen Eindruck von etwas,
was mich (u.a.) bedrückt, nur um feststellen zu müssen, dass die
Fragestellerin lediglich neugierig war... und durch die Benennung meines
Problems ihre Neugier bereits ausreichend befriedigt wurde, so dass
darauf weder weiter eingegangen wird, noch das Thema im Nachhinein
erneut Erwähnung findet. Oftmals werden Situationen, die ich als
belastend empfinde, ganz pauschal verharmlost. "Ach, das ist es nur? Ich
dachte, es sei etwas Schlimmes." Viele sind der Meinung, dass ich, nur
weil ich nicht genau dieselben Probleme habe wie sie, selbst überhaupt
keine Probleme habe(n kann). Mir geht es doch so gut, ich bin glücklich
verheiratet, habe drei gesunde Kinder, Eltern, Arbeit, Wohnung... Aber
ob es wirklich alles so ist, wie es scheint, oder wie andere es sich
einreden, das wird nicht hinterfragt. Es gibt auch tatsächlich Leute,
die versuchen, alle in allem zu übertrumpfen... anscheinend gibt es
ihnen eine absonderliche Art von Genugtuung, wenn andere weniger oder
"keine" Probleme haben... denn vieles, was ein anderer Mensch
durchmacht, hatten sie selbst auch, selbstverständlich war es bei ihnen
aber um ein zig-faches
schlimmer... und die Probleme oder Sorgen, die sie selbst nicht haben
können, da diese durch ihre abweichende Art und Weise der Wahrnehmung
und Lebensführung nicht Teil ihres eigenen Lebens ist, können ja widerum
sooo schlimm nicht sein. Dabei kann ein Aussenstehender niemals
verstehen oder nachvollziehen, wie jemand sich in einer Situation fühlt,
wenn er diese oder eine ähnliche nicht selbst durchlebt hat.
Ich teile
meine Sorgen nur mit meinen (wenigen) Freunden, wenn ich der Meinung
bin, dass sie mir helfen können (und ich dadurch vielleicht auch
indirekt ihre Hilfe oder ihren Rat erbitte). Und Können beurteile ich
auf einer vollkommen sachlichen Ebene, so würde ich jemanden, der keine
Kinder hat, nicht um Erziehungstipps bitten o.ä. Außerdem ist es mir
sehr unangenehm, wenn ich jemandem etwas Persönliches erzählt habe...
mir missfällt einfach der Gedanke, dass noch jemand darüber
Bescheid weiß. Genau wie ich es selbst nicht mag, wenn mir jemand etwas
Persönliches über eine dritte Person erzählt, was ich im Grunde
genommen gar nicht wissen wollte. Das ist nämlich auch so ein Punkt...
wenn über mich gesprochen wird. Ich weiß ja, dass einige Leute in meiner
Abwesenheit über mich reden und ich meine nicht, dass sie schlecht über
mich sprechen, (obwohl es sicherlich berechtigt wäre, dass auch mein
häufig etwas seltsames Verhalten thematisiert würde...) sondern ganz
normales, alltägliches Zeugs eben. Was eigentlich ja vollkommen in
Ordnung wäre, aber trotzdem graust es mir vor der Vorstellung,
Gesprächsthema zu sein.Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht und auch in
vielen anderen Bereichen eine ziemlich extreme und ungewöhnliche
Einstellung habe, aber was soll ich machen? Ich versuche, das alles zu
ignorieren, aber ich bin da trotzdem sehr
empfindlich...
Ziel dieses Blogs ist es nicht, jemandem ein schlechtes
Gewissen zu machen oder jemanden anzuklagen, dass er/sie sich auf die
o.g. Art und Weise mir gegenüber verhält. Ich bin mir durchaus bewusst,
dass diese Verhaltensweisen vollkommen normal sind und ich diejenige
bin, die einfach überreagiert... ich möchte nur meine Sichtweise der
Dinge erklären, ohne mein Fehlverhalten damit rechtfertigen oder
entschuldigen zu wollen... und ich hoffe inständig, dass sich niemand
hierdurch angegriffen fühlt.